Geschichte

Erinnerungen von Pater Bruno Bauer

Der Salesianer Pater Bruno Bauer rief das damalige „Projekt Moskau“ 1995 ins Leben. Gut sechs Jahre später, 2001, wurde es in die Stiftung „Kinder brauchen ein Zuhause“ überführt. Pater Bauer erinnert sich an die Anfänge und die Entwicklung der Stiftung:

„Es war im Oktober 1995, als ich zum ersten Mal nach Moskau kam. Wir waren zu dritt und wollten einen Hilfstransport mit Möbeln und Lebensmitteln für das eben neu errichtete Noviziat in der Nähe von Moskau übergeben. Wochenlang hatten meine Mitbrüder und ich in Benediktbeuern gesammelt und sortiert, um diesen Transport schließlich mit Hilfe des Malteser Hilfsdienstes auf den Weg zu bringen.

Die Salesianer Don Boscos in Moskau lebten und arbeiteten in dieser Zeit unter einfachsten Bedingungen: Sie wohnten auf verschiedene Wohnungen in Moskau verteilt, feierten Gottesdienst in einer Kirche, die praktisch eine Ruine war und es fehlte überall an Material und Geld.

Eines Abends war ich zu Besuch im kleinen Jugendzentrum im Untergeschoss jener fast zerstörten Kirche. Die Jugendlichen der Pfarrei hatten dort einen Treffpunkt gefunden und wurden von Salesianern und ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut. Plötzlich kamen zwei Jungen, nicht älter als acht Jahre, in zerlumpter Kleidung herein, baten um etwas zu essen und waren sofort wieder verschwunden. Der verantwortliche Mitbruder erzählte mir, dass es sich dabei um Straßenkinder handelte, von denen es zu dieser Zeit viele Tausende in Moskau gab.

Wir waren uns einig, dass dies ein wichtiges Arbeitsfeld für uns Salesianer wäre. Ein kleiner Spiel- und Sportplatz wäre ein guter Beginn, um den Kontakt zu diesen schüchternen Kindern aufzubauen, so der Mitbruder. Was aber fehlte, war das Geld dafür: Es ging um rund 5.000 D-Mark. Der Anblick der beiden Kinder ließ mich nicht mehr los.

Entschlossen, dieses Projekt zu verwirklichen, fuhr ich nach Hause und schrieb Bettelbriefe an Verwandte, Bekannte und Mitbrüder. Nach und nach kam viel mehr Geld herein, als wir für den Spielplatz benötigt hätten. So gab es neue Überlegungen, eventuell eine Wohnung für diese Kinder zu kaufen. Dafür reichte das Geld aber bei weitem nicht.

Eine entscheidende Wende kam durch den Kontakt zu unserer Missionsprokur Don Bosco Mission in Bonn. Der damalige Missionsprokurator Pater Karl Oerder war bereit, das Projekt zu begleiten und öffnete die Türen zum Hilfswerk „Renovabis“. So konnten wir nach einigen Monaten die erste Wohnung kaufen und acht Kinder einziehen lassen, wenn auch unter größten Schwierigkeiten mit der damaligen Bürokratie.

Das Projekt wuchs und wuchs: Bald hatten wir Aussicht auf eine zweite Wohnung. Aber auch hier fehlten noch Mittel. Als eine große Hilfe erwies sich eine Pressekonferenz, die wir im Bischofshaus in Augsburg abhalten durften und bei der der damalige Bischof Viktor Josef Dammertz persönlich anwesend war. Viele Pressevertreter und auch ein paar Fernsehjournalisten waren der Einladung gefolgt und so ließ der Erfolg dieser Öffentlichkeitsarbeit nicht lange auf sich warten: Nach wenigen Wochen konnten wir die zweite Wohnung für die Kinder kaufen.

Immer mehr Menschen lernten unsere Arbeit kennen und unterstützten uns. Der Wunsch nach einem richtigen Haus für diese Kinder kam auf. Einem Haus, in dem sie leben, lernen, spielen konnten und das auch offen ist für die Kinder und Jugendlichen der Umgebung.

Im Jahr 1999 erhielten wir das Angebot, einen ehemaligen Betriebskindergarten, der zwar abbruchreif war, aber in günstiger Lage lag, zu kaufen. Es war ein stolzer Kaufpreis von damals rund 870.000 D-Mark. Damit hatten wir zwar ein ausgezeichnetes Gelände, aber noch lange kein Haus. Doch auch hier galt: „Viele Hände - schnelles Ende“. Viele halfen uns: Renovabis, das Kindermissionswerk Aachen, Sternstunden e.V., die Missionsprokur Bonn und vor allem unsere vielen Wohltäter, die uns zum Teil seit Jahren treu geblieben sind.

Wenn ich unserem Haus in Moskau-Fili einen Namen geben müsste, so wäre es das „Haus der Vorsehung“. Immer dann, wenn wir nicht wussten wie es weitergehen sollte, kam überraschend Hilfe, um das Projekt zu Ende zu bringen. Unzählige Geburtstage, Hochzeiten, Taufen, Betriebs- und Weihnachtsfeiern und auch Bußgelder (Dank wohlgesinnter Richter und Staatsanwälte) halfen uns dabei.

Seit 2002 ist unser Haus in Moskau-Fili nun in Betrieb und ein Segen für die dort wohnenden Kinder und Jugendlichen. 40 Kinder leben in kleinen Wohngruppen und werden von je einer Gruppenmutter betreut. Auch für die ständige ärztliche Versorgung und psychologische Betreuung ist gesorgt. Dieses Haus will aber keine Insel nur für diese Kinder sein. Deshalb ist es auch offen für die Kinder und Jugendlichen aus der Umgebung, die hier verschiedene Kursangebote wahrnehmen oder ganz einfach ihre Freizeit sinnvoll gestalten können.

Im Jahr 2001 gründeten wir aus diesem „Projekt Moskau“ heraus die Stiftung „Kinder brauchen ein Zuhause“, um auch bedürftigen Kindern und Jugendlichen in anderen Ländern Ost- und Südosteuropas zu helfen. Die Armenapotheke in Jakutsk (Sibirien), die Familie mit fünf kleinen Kindern in Tirana (Albanien), die in einem praktisch unbewohnbaren Haus leben, die bedürftigen Kinder in Novojelnija (Weißrussland) oder die Jugendlichen ohne Berufsausbildung in der Ukraine: sie alle brauchen unsere Hilfe und Fürsorge.

In insgesamt 23 Niederlassungen Osteuropas sind wir bisher tätig geworden. Bei verschiedenen Niederlassungen sorgen wir jährlich für den kompletten laufenden Unterhalt oder haben eine längerfristige Unterstützung zugesagt.

sascha

Er gibt „Kinder brauchen ein Zuhause“ von Beginn an ein Gesicht: Sascha gehörte zu den ersten Kindern in Moskau, die die Stiftung unterstützte.